"Man muss hören, um zu leben!"
Hilfe, wenn das Hörgerät nicht mehr hilft: So entkommt man der Stille und der Isolation
Die Welt und die Menschen hören - das ist für viele selbstverständlich. Das was tun, wenn das Gehör schwindet, wenn selbst ein Hörgerät nicht mehr hilft? Der Augsburger Hörtag 2026 gibt darauf viele Antworten. Eine wichtige heißt Cochlea-Implantat.
Diese Frage hören Claudia Eberle und Natalie Costian immer wieder: "Warum hat man mir das nicht schon vor zehn Jahren gesagt?" Dann wäre dieses Jahrzehnt nicht in Stille und oft auch in sozialer Isolation abseits vom Geschehen verlaufen. Dass sich nach diesen zehn Jahren das Leben noch einmal verändert kann, liegt an einem kleinen Gerät mit exotisch anmutendem Namen und großer Wirkung: Cochlea-Implantat (CI). "Noch immer wissen viele Menschen nicht, dass ihnen damit geholfen werden kann", sagen Dr. Claudia Eberle, Oberärztin an der Hals-Nasen-Ohrenklinik im Universitätsklinikum Augsburg, und die Audiologin Natalie Costian. Für zahlreiche ihrer Patientinnen und Patienten aber ist es ein kleines Wunder, was sie zusammen mit weiteren Kollegen und Kolleginnen im Hörzentrum im Medizincampus Süd des UKA bewirken können.
Doch Wunder fallen nicht vom Himmel. Sie sind in diesem Fall das Ergebnis medizinischen Fortschrittes, der bereits im Jahr 1957 mit der Entwicklung des ersten Implantats begonnen hat und der heute Tausende aus dem Reich der Stille in die Welt der Töne, Klänge und Sprache zurückführt. "Es ist das einzige Sinnesorgan, das wir ganz ersetzen können", bringt es Claudia Eberle auf den Punkt. Und das ist auch für sie, die seit 2011 im UKA dem besseren Hören nachspürt und das Hörzentrum leitet, oftmals ein "kleines Wunder", was da mit ihren Patientinnen und Patienten passiert. "Manche können wir beinahe zu neuem Leben erwecken." Oder, wie es ihre Kollegin Natalie Costian formuliert, mit der sie ein unüberhörbares Team bildet: "Man muss hören, um zu leben!"
Aber was tun, wenn das akustische Signal erlischt und die Welt in Stille versinkt, wenn man die Familienmitglieder und Freunde nicht mehr hört und sich immer mehr ausgeschlossen fühl? Und vor allem: Wenn das klassische Hörgerät nicht mehr hilft? Dann kann der Weg in die Hörimplantat-Sprechstunde der HNO-Klinik im Augsburger Stadtteil Haunstetten führen. Und dann kann beginnen, was die beiden Expertinnen eine "Hörreise" nennen. "Da gibt es richtig schöne Erfolgsgeschichten", erzählt Claudia Eberle.
Vor dem Erfolg allerdings steht der Gang in den Operationssaal. Denn anderes als ein Hörgerät werden Teile des Implantats im Rahmen einer Routine-Operation bei Vollnarkose in das Innenohr eingebaut.
"Das ist für viele eine erste Hürde", berichtet Oberärztin Eberle. Wertvolle Hilfestellung geben da die sogenannten Hörpaten der HNO-Klinik - allesamt Patientinnen und Patienten, die bereits erfolgreich mit dem Cochlea-Implantat behandelt wurden. Dessen Name ist auf den lateinischen Begriff "Schnecke" zurückzuführen und weist auf die spiralförmige Höhle im Innenohr hin, die wie ein Schneckenhaus geformt ist. Zudem stehen zwei Selbsthilfegruppen mit wertvollen Ratschlägen bereit.
"Mit der erfolgreichen Operation beginnt die Hörreise", erklärt Natalie Costian. Die 28-jährige Allgäuerin bildet im Team das Bindeglied zwischen Ärztinnen und Logopäden und plant den Weg zurück zum Hören. Denn mit der OP allein ist es nicht getan. "Wir begleiten die Patienten über zwei Jahre und bei 20 Terminen." Schritt für Schritt geht es zu einer anderen Art des Hörens. Denn zuerst vernimmt man nach der OP Geräusche. Das Gehirn erinnert sich, versucht das nun Vernommene wieder einzuordnen. Das Rauschen eines Wasserfalls oder das Hupen eines Autos - was lange nicht mehr gehört wurde, kommt nun im Rahmen der sogenannten Hörerinnerung wieder zu Ohren. Auf jeder Etappe dieser Hörreise geht es einen Schritt weiter - von Geräuschen zur Sprache. "Aus Hören wird Verstehen", sagt Natalie Costian. Die eingebaute Elektrode des Implantats gibt ihre Impulse ans Gehirn, das sie nun einordnet. "Wir holen das Beste heraus", erläutert Claudia Eberle und verweist auf eine Erfolgsquote von weit über 90 Prozent. Eine Rolle spiele dabei auch die vergangene Zeit der Stille. "Es ist ein Unterschied, ob jemand vor einem halben Jahr einen Hörsturz erlitten hat oder seit 20 Jahren fast taub ist." Die Hörreise sollte also früh beginnen, lohnt sich aber immer!" Wenn das Hörgerät nicht mehr ausreicht, dann sollte man wissen", so beide Expertinnen, "da gibt es noch was!" Als zertifiziertes CI-versorgende Einrichtung stattet die HNO-Klinik jährlich rund 80 Betroffene mit einem Implantat aus - Tendenz steigend - und betreut sie über viele Jahre. Das Gros ist im fortgeschrittenen Alter. Doch auch taub geborene Kinder werden mit dem Implantat versorgt und in die Welt der Klänge und Sprache geführt. Nach einem Hörsturz zeigt die Methode ebenfalls unüberhörbare Wirkung. Als willkommener Nebeneffekt verschwindet zudem in vielen Fällen ein lästiger Tinnitus. Das neue Implantat lässt sich dann mit dem Handy verbinden, man kann streamen und sich auch die Lieblingsmusik aufs Ohr spielen lassen.
Der medizinische Fortschritt schreitet auch in Sachen Cochlea-Implantat voran. Als "nahe Zukunftsmusik" bezeichnet Claudia Eberle neue Verfahren mit voll implantierten Systemen, die den Patientinnen und Patienten mehr Bequemlichkeit, jedoch eine aufwendigere OP bescheren. Auch die Robotertechnik verspreche bei den Operationen noch mehr Präzision. In der Gegenwart beginnt die Hörreise zumeist mit einem Implantat in einem Ohr, während im anderen noch ein Hörgerät getragen werden kann. Es ist zudem eine sogenannte Bilaterale CI-Versorgung möglich, bei dem auch das zweite Ohr entsprechend ausgestattet wird.
"Dadurch wird vor allem das Sprachverstehen im Störgeräusch verbessert", erläutert Dr. Eberle. "Aber wir entscheiden für jedes Ohr individuell."
Mit Sorge sieht die gebürtige Münchnerin, die in Ulm studiert hat, dass schon heute ihre Patientinnen und Patienten von morgen oder übermorgen entstehen. Sind es zurzeit oft Menschen, deren Gehör in der einstmals schlecht geschützten Arbeitswelt ramponiert wurde, so sorgen jetzt manche mit dem Gebrauch von Kopfhörern für spätere Beeinträchtigungen. Gerade Kinder und Jugendliche sollten sich nicht einer intensiven Beschallung aussetzen, rät sie. Ihre sechsjährige Tochter bekomme keine Kopfhörer. "Bibi Blocksberg" lässt sich schließlich auch ohne hören.
Augsburger Hörtag 2026
Wenn Hörgeräte nicht mehr helfen - unter diesem Motto bietet der Augsburger Hörtag am 27. Februar Fachvorträge und eine Messe rund um das Thema Hören. Dabei informieren Ärztinnen der HNO-Klinik, Hörakustiker der Region und Hersteller über das Thema Cochlea-Implantat (CI). Beginn um 13.30 Uhr im Kolpings Restaurant, Frauentorstraße 29, 86152 Augsburg.
Für Kinder, die ohne oder mit stark eingeschränktem Hörvermögen auf die Welt kommen, bedeutet eine zeitnahe CI-Versorgung die Möglichkeit, in die hörende Welt integriert zu werden. Die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie gewährleistet die optimale Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Sie informiert beim Hörtag über die Fragen: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Operation? Was erwartet die betroffenen Kinder und die Familien?