Zitterpartie: Wenn Parkinsion die Choreo schreibt | Spitzenmedizin
Parkinson Patientinnen und Patienten müssen mit vielen Einschränkungen klarkommen. Jahrelange Schmerzen führen oft zu sozialer Isolation. Das Projekt „Tanz mit Parkinson!“ – eine Kooperation des Staatstheaters und der Neurologischen Klinik der Uniklinik Augsburg – versucht, das zu ändern.
Es ist schwer sich vorzustellen, dass das Heben der Arme schwerfallen soll. Doch so mancher hier hat augenscheinlich seine Schwierigkeiten damit. Auch Anli Heuser kämpft mit der Schwerkraft. „Unne jetzte lassen wir fallen die Arrrme!“ Das bekommen alle hin. So mancher Oberkörper fällt regelrecht nach unten. „Und wir atmen kräftig dabei ein und aus!“ Tanzpädagogin Serena Pettinari hat ganz offensichtlich Spaß an dem, was sie tut. Die ehemalige Tänzerin leitet den Workshop „Tanz mit Parkinson“, eine Kooperation von Staatstheater und Universitätsklinikum Augsburg, zusammen mit ihrer Kollegin Gabriella Gilardi. Ungefähr 30 Frauen und Männer sitzen im Ballsaal Nurejev des DanceCenter No1 um die beiden Italienerinnen verteilt und führen die Kommandos, so gut es geht, aus. Und obwohl Männer durchschnittlich ab Mitte 60 doppelt so häufig an Morbus Parkinson erkranken, sind weibliche Patienten hier deutlich in der Überzahl. Anli Heuser hat ihren Mann Robert als Begleitperson mitgebracht. Der 83-Jährige wirkt topfit, sie ist die Parkinson-Patientin.
Wie viele hier ist auch Anli Heuser Patientin bei Prof. Dr. Markus Naumann, der am UKA die Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie leitet und als Parkinson-Experte gilt. Die 80-Jährige bekam vor einem knappen Jahr die Diagnose Parkinson. Die größten Einschränkungen, die die Erkrankung ihr auferlegt, sind das Zittern der Hände, die Gangunsicherheit und die allgemeinen Schmerzen im Körper. Gemeinsame ausgedehnte Spaziergänge mit ihrem Mann Robert, manchmal auch Tochter und Enkeltöchtern, sind nicht mehr möglich: „Ich kann nur noch langsam und kurz laufen.“
Gezielte Bewegung könnte Gleichgewichtssinn und Koordinationsfähigkeit positiv beeinflussen
Hier setzt Tanz mit Parkinson! an. „Durch das Programm und die anhängende Studie wollen wir sehen und erforschen, ob Tanz und gezielte Bewegung einen Effekt auf das Gehirn haben“, erklärt Naumann. „Wir glauben, Bewegung im Allgemeinen und Tanz im Besonderen können die Körperhaltung verbessern, Bewegungen wieder geschmeidiger machen und das Gehen flüssiger, unter Umständen auch sicherer. Es sollte Gleichgewichtssinn und Koordinationsfähigkeit positiv beeinflussen.“ Die soll gleich gefördert werden, weiter geht’s mit den Übungen. Pettinaris Kollegin Gilardi übernimmt. Sie möchte den Teilnehmenden die Basics der italienischen Sprache vermitteln, die – wie jeder weiß – zu einem großen Teil nicht aus Worten, sondern Gesten besteht. „Wir winken… äh. Heißt so viel wie Ciao“, ruft Gilardi und wedelt mit beiden Händen freundlich in alle Richtungen. Anli, Robert und ihre Mitstreitenden machen es ihr nach. Das lockert die Muskulatur. „Jetzt wir sagen ‚Was willst du?‘“ Gilardi legt die Fingerkuppen von Daumen, Zeige- und Ringfinger übereinander. Das erfordert Koordination. „Und jetzt wir trinken eine Espresso!“ Mit aneinandergelegtem Daumen und Zeigefinger führen die Tanzenden, die alle auf Stühlen sitzen, eine imaginäre Tasse an ihre Lippen. „Wir hoffen, dass das gemeinsame Erleben der Bewegung einen positiven Effekt auf die Selbstwahrnehmung hat“, sagt Naumann. „Die ist bei Parkinson-Patientinnen und -Patienten durch den Tremor, der die Schmerzen verursacht, häufig gestört. Das führt nicht selten zu Isolation und Vereinsamung. Musik und Tanz dagegen vermitteln Lebensfreude und fördern das Gemeinschaftsgefühl.“

Der Bolero von Ravel heizt die Stimmung an, verstärkt das Stampfen, macht die Freude sichtbar
Nach einer Portion Spaghetti, aufgespießt mittels gespreiztem Zeige- und Ringfinger, übergibt Gilardi das Kommando wieder an ihre Kollegin. Pettinari lenkt die Aufmerksamkeit der Patientinnen und Patienten auf die Füße. „Ferse runter, Ferse rauf, Ferse runter… Dattari, dattara“, singt Pettinari vor sich hin und bedient gleichzeitig einen CD-Player zu ihren Füßen. Zur Melodie von Tarantella (gerne mal auf Youtube reinhören) entsteht eine unglaubliche Gruppendynamik, die jede und jeden im Tanzsaal Nurejev mitzureißen scheint. Nur lächelnde Gesichter, wohin man schaut. Auch Anli und Robert haben Spaß. Die Bewegungen wirken, mal mehr, mal weniger, fließend. Dann führen Gilardi und Pettinari alle zuletzt gelernten Gesten zusammen: Ciao! Was willst du? Espresso?! Der Bolero von Ravel heizt die Stimmung an, verstärkt das Stampfen, macht die Freude sichtbar. Die Einschränkungen der Teilnehmenden – Schmerzen, Tremor, Freezing (plötzliches, kurzes „Einfrieren“ der Bewegung) – scheinen für den Moment gebannt.
Die Kurse, drei Wochen lang jeweils montags und donnerstags, dauern in der Regel 90 Minuten. Jeder und Jede mit einer Parkinson-Erkrankung kann daran teilnehmen – unabhängig von der Studienteilnahme. Vor Beginn des ersten und nach Ende des letzten Tanztrainings werden am UKA spezielle Gehirnmessungen durchgeführt. Allerdings kann Tanz mit Parkinson nicht Jede und Jeder lehren. Serena Pettinari und Gabriella Gilardi haben sich gründlich darauf vorbereitet und eine vom Original Dance for PD® angebotene Ausbildung in vier Leveln durchlaufen. „Seit zwei Jahren ist das nun unser Baby“, erzählt Pettinari. „Wir machen das aber nicht nur aus Spaß, sondern aus Überzeugung. Wir glauben fest daran, mit Tanz und Musik wieder Freude an der Bewegung in das Leben der erkrankten Menschen zurückbringen zu können.“
Schmerzen führen in der Regel zu Schonhaltung und Vermeidung, die den Schmerz letztlich nur konservieren. „Das brechen wir ein Stück weit auf. Bei uns bewegen sich die Menschen, auch wenn es mal wehtut.“ Anli Heuser kann das bestätigen: „Hier spüre ich den Schmerz nicht so wie zuhause.“ Gleichwohl gibt Pettinari zu: „Therapieren können wir die Krankheit nicht. Aber durch den intensiven Lernprozess in der Ausbildung für Dance for PD® verstehen wir sie und könnten im Notfall auch reagieren. Einen echten Notfall hat es seit September letzten Jahres, so lange finden die dreiwöchigen Tanz-Workshops schon statt, noch nie gegeben. Heute muss eine Patientin, gestützt auf ihren Rollator, den Raum verlassen – sie bekommt schwer Luft. Behutsam wird sie von Gabriella Gilardi nach draußen begleitet und bekommt ein Glas Wasser in die Hand. Gleich geht es ihr besser.
Dance for PD® gibt es in über 30 Ländern, selbstverständlich ist es nicht
Dance for PD® gibt es seit über 20 Jahren. Geboren wurde die Idee in Brooklyn, für viele der kreativste Stadtteil New Yorks. Sechs Mitglieder der Brooklyn Parkinson Group nahmen im Oktober 2001 im Mark Morris Dance Center das 1. Mal an einem Tanz für Parkinson! teil. Seitdem trat das Projekt weltweit einen Siegeszug an, ist Dance for PD® ein international anerkanntes Programm, das forschungsgestützte Tanzkurse für Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung in mehr als 30 Ländern anbietet. Selbstverständlich ist es deshalb nicht. Auch Naumann, Pettinari und Gilardi sind aus unterschiedlichen Gründen froh über die Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg beziehungsweise der Uniklinik Augsburg.
Nach eineinhalb Stunden ist der Tanz-Workshop für heute vorbei. Am Donnerstag findet wieder einer statt. Auch 90 Minuten später haben die beiden Tanzpädagoginnen nichts von ihrem Esprit eingebüßt, während die Patientinnen und Patienten deutlich lebendiger und mobiler wirken. „Hat wieder Spaß gemacht“, sagt Anli, ihr Mann Robert nickt. Aber noch dürfen sie nicht gehen. Ganz wie im Original vor über 20 Jahren verabschieden sich die Teilnehmenden voneinander, in dem sie aufstehen von ihren Stühlen, dem oder der links Stehenden die Hand reichen und sich dann verabschieden: „Vielen Dank, Anli.“ „Vielen Dank, Roswitha.“ „Vielen Dank, Robert.“
