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Zentrum für Gang- und Gleichgewichtsstörungen: Aus dem Gleichgewicht

Neurologie - Zentrum für Gang- und Gleichgewichtsstörungen macht Menschen wieder mobil und trittsicher. Wie Walter Mayer, der nach einer heftigen Diagnose heute wieder völlig gesund ist.

2018 ist ein Jahr, das Walter Mayer (Name von der Red. geändert) nicht so schnell vergessen wird. Aus einem an und für sich gesunden 69-Jährigen wird innerhalb von wenigen Monaten ein völlig unselbstständiger und auf jegliche Hilfe angewiesener Mann. Er kann nicht mehr stehen, nicht mehr laufen. Dann auch nicht mehr hören. Er vergisst, auf die Toilette zu gehen, verliert das Interesse an allem und jedem, schließlich die Orientierung. Seine Tochter und seine Lebensgefährtin sieht er zwar, erkennt sie aber nicht.

Keiner von ihnen kann sich die dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes innerhalb weniger Wochen erklären. Zwar begleiten den Rentner starke Rückenschmerzen schon ein Leben lang aufgrund eines Unfalls 40 Jahre zuvor, bei dem sich der heute 71-Jährige die Lendenwirbelsäule bricht. „Aber auf einmal wurden die Schmerzen so stark, so unerträglich, mit all diesen Begleiterscheinungen“, sagt Mayer, und seine Tochter ergänzt: „Wir waren völlig ratlos. Heute wissen wir, dass es ein Fehler war, jedes Problem losgelöst voneinander zu betrachten. So sind wir erst zum HNO-Arzt gegangen, dann zum Urologen, schließlich zum Neurologen.“

Zum Glück. Denn der Neurologe ist der Schlüssel. Prof. Dr. Markus Naumann, Direktor der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Universitätsklinikum Augsburg, sagt: „Schwindel, Gang- und Gleichgewichtsstörungen können sehr viele Ursachen haben, wirklich sehr viele. Da gibt es orthopädische Probleme, internistische, neurologische – häufig im Zusammenspiel. Und das ist die Herausforderung. Oft scheitert eine erfolgreiche Diagnostik daran, dass der Arzt irgendwann aufhört zu suchen, wenn er nur lange genug keine klaren Ursachen finden konnte.“

Naumann ist nicht der Typ, der aufhört zu suchen. „Natürlich haben wir uns Herrn Mayer besonders genau angeschaut unter dem Blickwinkel der Gang- und Gleichgewichtsstörung. Ein sehr deutlicher Hinweis für die letztendliche Diagnose bei diesem Patienten war aber dann die Trias aus Gangstörung, Blasenschwäche und kognitiven Einschränkungen.“ Und die Diagnose lautet Hydrocephalus, im Volksmund bekannt als „Wasserkopf“. Beim Hydrocephalus sammelt sich zu viel Gehirn- und Rückenmarkflüssigkeit in den Hirnventrikeln, weil es nicht mehr in ausreichender Menge abfließen kann. Die Ventrikel blähen sich auf und schädigen das benachbarte gesunde Gehirngewebe. „Man muss sich das so vorstellen: Sie drehen den Wasserhahn auf, und der Abfluss ist verstopft. Dann weist der Patient die Symptome auf, die wir bei Walter Mayer gesehen haben“, erklärt Naumann. „Oftmals liegen der Abflussstörung Verklebungen im Gehirn zu Grunde, aber oft kennen wir die Ursache auch nicht.“ Als Mayer in Naumanns Klinik kommt, nimmt sein Zustand einen dramatischen Verlauf. Innerhalb von wenigen Tagen geht es dem Senior schlechter und schlechter. Naumann findet heraus, was Mayer fehlt und lässt ihn von seinem Kollegen in der Neurochirurgie operieren. Kurze Zeit später ist der damals 69-Jährige wieder der alte.

Pro Woche behandeln Naumann und sein Team zirka einen Patienten mit Hydrocephalus, „aber selten sehen wir einen so dramatischen und direkten Erfolg wie bei Herrn Mayer“. Das Problem: „Bei Gang- und Gleichgewichtsstörungen gibt es eine überwältigende Anzahl an möglichen Ursachen“, sagt auch Oberarzt Dr. Christoph Laub, der in Naumanns Klinik das Zentrum für Gang- und Gleichgewichtsstörungen leitet und auch eine ambulante Sprechstunde dazu anbietet. „Das Problem dabei ist“, erklärt Laub, „dass man im Alter häufig mal ein bisschen schlechter läuft. Unbehandelt wird das ja nicht besser. Aber man muss eben unter Umständen eine Zeitlang suchen, woran das liegt. Und Gangstörungen, das muss ich leider sagen, werden von uns Neurologen deshalb etwas stiefmütterlich behandelt.“

Wichtige Informationen durch videogestützte Ganganalyse

In Augsburg zumindest ist damit längst Schluss. Mit der Gründung des Zentrums für Gang- und Gleichgewichtsstörungen, das großzügig von der Regierung von Schwaben unterstützt wurde, konnte eine Reihe von Apparaturen angeschafft werden, die diesen ganzen Strauß an Symptomen, die Menschen mit Gangstörungen häufig aufweisen, messen und analysieren können. Das spektakulärste Gerät darunter dürfte die videogestützte Ganganalyse sein. Sie ermöglicht es den Ärzten, Körperschwankungen zu untersuchen, das Sturzrisiko zu messen, die Trittsicherheit zu berechnen. Der Patient betritt dabei eine Art offene Kabine, deren Grundlage eine bewegliche, mit einem Rechner und einer speziellen Software verbundene Bodenplatte ist. Vor ihm hängt auf Augenhöhe ein großer Bildschirm. Unterstützt vom Arzt oder Physiotherapeuten muss der Patient beispielsweise versuchen, die Biene, die er auf dem Bildschirm sieht, durch einen kleinen Schritt nach links, eine winzige Neigung nach hinten oder die Verlagerung des Körpergewichtes nach vorn in die Blüte zu bringen.

„Die Schaltzentrale ist das Gehirn“, sagt Laub. „Das Gehirn verarbeitet die visuelle Information, steuert den Halteapparat des Menschen und seinen Gleichgewichtssinn. Liegt in einem dieser drei Komponenten oder mehreren eine Fehlfunktion vor, geben uns die Ergebnisse der videogestützten Ganganalyse wertvolle Informationen für die Diagnostik.“ Informationen, die sie bei der bisherigen Routinediagnostik nicht bekamen. Dabei behalten sowohl Naumann als auch Laub den Patienten ganzheitlich im Blick. „Oftmals werden Blasenstörungen isoliert betrachtet und meistens der Prostata zugeschoben“, sagt Naumann. „Aber unser Patient Mayer hat uns eindrucksvoll gezeigt, dass seine vorübergehende Blasenschwäche nichts mit diesem Organ zu tun hatte.“ Den interdisziplinären Blick auf den Körper versuchten sie daher auch ihren Studenten anzutrainieren.

Seit gestern ist das Zentrum für Gang- und Gleichgewichtsstörungen offiziell eröffnet. Es ist schon jetzt eines der ganz wenigen Zentren in Süddeutschland, das eine eigene ambulante Sprechstunde anbietet und gleichzeitig Patienten stationär aufnimmt. „Gerade ältere Menschen, die unsicher gehen und stehen und ohne Diagnose sind, werden davon profitieren“, sagt Naumann. Wunder könne er zwar nicht vollbringen, „aber etwas tun kann man immer.“

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