Unterstützung und Orientierung: Psychoonkologen als Begleiter

Neben der eigentlichen Tumortherapie ist auch die Bewältigung der mit einer Krebserkrankung einhergehenden seelischen Belastungen eine wichtige Säule der ganzheitlichen Behandlung. Die psychoonkologische Begleitung kann Krebspatienten und ihren Angehörigen Halt und Orientierung geben, sie kann die Lebensqualität verbessern, und sie kann dazu beitragen, die Tumorerkrankung besser zu bewältigen.

Die Psychoonkologen am Interdisziplinären Cancer Center Augsburg (ICCA) sprechen im Interview über das psychoonkologische Angebot und die Vorteile für Patienten.

Was versteht man unter Psychoonkologie?

Andrea Dankert: „Die Psychoonkologie ist eine Fachrichtung, die sich mit den Belastungen befasst, die durch eine Krebserkrankung und deren Behandlung entstehen können. Unsere Angebote zielen darauf ab, Patienten und Angehörige unterstützend zu begleiten und bei Bedarf konkrete Hilfestellungen zu geben. Patienten und Angehörige können durch Gespräche eine spürbare Entlastung erfahren, indem Gedanken und Gefühle ausgedrückt und auch offen ausgesprochen werden. Gerade ein vertrauensvoller und einfühlsamer Kontakt zu einer außenstehenden Person wie uns Psychoonkologen bietet die Chance, auch über schwierige Themen zu sprechen. Häufig verringert sich dadurch die Anspannung, und andere Perspektiven können sichtbar werden.“

Welche Folgen kann eine Krebserkrankung aus Sicht der Psychoonkologie haben?

Nadja Paul: „Die Folgen einer Krebserkrankung können sehr vielfältig sein. Bei vielen Patienten ist eine grundsätzliche emotionale Verunsicherung zu beobachten. Beispielsweise kann sich das darin zeigen, dass auch kleine Beschwerden, die früher kaum beachtet wurden, jetzt Angst auslösen. In anderen Fällen berichten Patienten, dass sie sensibler und nicht mehr so belastbar seien wie früher. Eine Krebserkrankung betrifft neben dem Patienten selbst oftmals auch die ihm nahestehenden Menschen. Neue Aufgaben und Verantwortungen kommen auf die Einzelnen zu und können zu Überforderung führen.“

Welche Belastungen machen der Psyche von Krebspatienten am meisten zu schaffen?

Stefanie Klis: „Am meisten machen Krebspatienten Ängste zu schaffen, vor allem die sogenannte ‚Progredienzangst‘. So wird die Angst vor dem weiteren Fortschreiten der Erkrankung und die damit einhergehende Ungewissheit bezeichnet. Damit verbunden ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und mit den Themen Verlust, Veränderung, Nebenwirkungen der onkologischen Therapie sowie Sterben und Tod.“

Viele Patienten nehmen ihre Krebserkrankung zunächst als Erkrankung des Körpers wahr. Fällt es aus Ihrer Erfahrung Krebspatienten manchmal schwer, psychoonkologische Angebote anzunehmen?

Harald Grabher: „Die Krebserkrankung ist eine körperliche Erkrankung. Sie hat jedoch verschiedene Besonderheiten, die möglicherweise Gefühle der völligen Überlastung nach sich ziehen und Patienten und ihre Angehörigen vor eine hohe psychische Herausforderung stellen können. Ein Großteil der Betroffenen nimmt daher gern die psychoonkologischen Angebote an. Gleichzeitig verarbeitet jeder Mensch eine Krebserkrankung anders. Einige versuchen, die Belastungen im Stillen für sich zu bewältigen, anderen hilft der Trost, den sie auf spiritueller Ebene erfahren. Intuitiv erkennen viele Patienten von selbst, ob das psychoonkologische Angebot für sie in ihrer Situation das richtige ist. Es gilt, den individuellen Weg eines jeden zu stärken.“

Welche Hilfe können Krebspatienten von der Psychoonkologie erwarten? Welche Leistungen umfasst das Angebot der Psychoonkologie?

Andrea Dankert: „Die Psychoonkologie umfasst Angebote wie Einzel-, Paar- und Familiengespräche, Angehörigenberatung, Entspannungsübungen, Patientenschulungen, Vermittlung an Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen sowie Psychotherapie. Besonderen Wert legen wir immer darauf, Patienten zu befähigen, wieder Zugriff zu ihren eigenen Bewältigungsmöglichkeiten zu bekommen. Damit wird die erlebte Hilflosigkeit reduziert. Gleichzeitig wird das Gefühl, etwas selbst bewirken zu können, gestärkt.“

Zu welchem Zeitpunkt können psychoonkologische Angebote in Anspruch genommen werden? Müssen Patienten die Angebote der Psychoonkologie selbstständig anfragen, oder gehen Sie aktiv auf Patienten zu?

Elfriede Denk: „Zu jedem Zeitpunkt einer Krebserkrankung kann ein psychoonkologisches Angebot in Anspruch genommen werden. Ein früher Zeitpunkt hat jedoch den Vorteil, dass Patienten bereits zu Anfang ihrer Erkrankung einen vertrauensvollen Zugang zu den Psychoonkologen herstellen können. Somit tun sich Patienten leichter, später, in möglichen schwierigen Phasen des Verlaufs, auf den bereits bestehenden Kontakt zurückzugreifen. Patienten können in allen Phasen ihrer Erkrankung und ihrer Behandlung aktiv von sich aus Angebote der Psychoonkologie wahrnehmen. Bei uns im Interdisziplinären Cancer Center Augsburg gehört es außerdem zum Behandlungskonzept, dass bei Bedarf der behandelnde Arzt die Kollegen der Psychoonkologie hinzuzieht. In diesem Fall gehen wir Psychoonkologen direkt auf die Patienten zu.“ 

Junge Krebspatienten haben ganz andere Bedürfnisse als ältere Menschen, die an Krebs erkranken. Persönlichkeitsentwicklung, Karriere und auch Familienplanung sind für sie aktuelle Themen. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Susanne Platter: „Die Themen unserer Gespräche bestimmt der Patient. Wir gehen flexibel auf die Kernanliegen jedes Einzelnen ein. Die dabei aufkommenden Gefühle greifen wir behutsam auf und begleiten den Patienten bei der Verarbeitung. Psychoonkologen sind darin ausgebildet, sich auf das Gegenüber und dessen Erlebniswelt sensibel einzustellen. Dabei werden gemeinsam Strategien entwickelt, die dem Patienten helfen, mit der Gesamtsituation leichter umgehen zu können.“ 

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld bei der Bewältigung einer Krebserkrankung?

Julia Yalman: „Ein verlässliches soziales Umfeld spielt eine wesentliche Rolle für die Bewältigung einer Krebserkrankung. Wenn ein Patient zu seinen Bezugspersonen ein stabiles und unterstützendes Verhältnis hat, ist dies eine wichtige Ressource für die Krankheitsverarbeitung.“ 

Angehörige sind häufig psychisch nicht weniger belastet als der Patient und entwickeln ähnliche Symptome wie Ängste, Depressionen, Erschöpfung. Werden sie in die psychoonkologische Betreuung einbezogen? Gibt es spezielle Angebote?

Nadja Paul: „Angehörige sind aufgrund zahlreicher Facetten, die eine Krebserkrankung mit sich bringt, häufig stark belastet. Daher werden sie entsprechend der Situation in die psychoonkologische Betreuung einbezogen. Genauso ist es möglich, dass Angehörige auch alleine, ohne den Patienten, unterstützende Gespräche wahrnehmen können.

Wie weit geht das Angebot der Psychoonkologie im Krankenhaus? Gibt es weiterführende Unterstützungsangebote während der Reha und nach der Entlassung?

Stefanie Klis: „Bei uns im Interdisziplinären Cancer Center am Universitätsklinikum Augsburg richten sich psychoonkologische Angebote an alle onkologischen Patienten, die stationär oder ambulant behandelt werden. Auch später in der Reha gibt es in fast allen Kliniken ein psychoonkologisches Behandlungsangebot. Zusätzlich können Patienten während aller Phasen ihrer Erkrankung wohnortnahe Unterstützung bei den regionalen Beratungsstellen der Deutschen Krebsgesellschaft erhalten. Diese bieten neben der psychosozialen Beratung verschiedene Kurse sowie Vorträge an und vermitteln auf Wunsch Kontakt zu Selbsthilfegruppen. Darüber hinaus können Patienten bei niedergelassenen Psychotherapeuten Unterstützung erhalten. Auskunft über ambulante Psychotherapieangebote geben die Koordinationsstelle Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, der Krebsinformationsdienst (KID) und die Bundespsychotherapeutenkammer. In diesem Zusammenhang empfehlen wir Patienten aus Augsburg und der Region auch die Gesellschaft für Psychotherapie Augsburg e. V. und die Psychosoziale Krebsberatungsstelle Augsburg der Bayerischen Krebsgesellschaft e. V.“

Psychoonkologie am Interdisziplinären Cancer Center Augsburg (ICCA)

Die Mitarbeiter des Psychoonkologischen Dienstes am ICCA stehen allen onkologischen Patienten des Universitätsklinikums Augsburg und ihren Angehörigen zur Verfügung. Kontakt kann über den behandelnden Arzt oder direkt telefonisch unter 0821-400 3293 aufgenommen werden. Telefonische Sprechzeiten sind dienstags von 14:00 bis 14:30 Uhr und mittwochs zwischen 9:15 und 9:45 Uhr. Die psychoonkologische Begleitung ist für Patienten des Universitätsklinikums Augsburg und ihre Angehörigen kostenfrei.

Darüber hinaus ist die Psychosoziale Krebsberatungsstelle Augsburg mit einer Patientensprechstunde einmal wöchentlich in den Räumlichkeiten des ICCA im Universitätsklinikum Augsburg vertreten. Jeden Donnerstag von 12:30 bis 16:30 Uhr können sich Patienten für eine Beratung an die zuständige Mitarbeiterin wenden. Telefonisch ist sie in dieser Zeit unter der Rufnummer 0821-400 3434 erreichbar, außerhalb dieser Zeiten direkt in der Beratungsstelle Augsburg.

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Neuartiges Coronavirus (SARS-CoV-2),
dass die Lungenerkrankung COVID-19 auslöst

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