Umgang mit Krebserkrankungen bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen

Interview mit

Prof. Dr. Dr. Michael Frühwald

Chefarzt der I. Klinik für Kinder und Jugendliche am Universitätsklinikum Augsburg und Leitender Arzt des Schwäbischen Kinderkrebszentrums Augsburg

Heranwachsende und junge Erwachsene – im fachlichen Kontext häufig auch „Adolescents and young Adults“ (AYA) genannt – wurden medizinisch lange Zeit entweder wie Kinder behandelt oder wie Erwachsene. Die altersspezifischen Besonderheiten der Gruppe der Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen – wie körperliche Entwicklungen und Hormonveränderungen – wurden dabei jedoch oft außer Acht gelassen. Daraus ergab sich die Konsequenz, dass in der medizinischen Behandlung von Heranwachsenden teilweise nicht so gute Ergebnisse erzielt werden konnten wie bei Kindern oder Erwachsenen. Um genau dieser Problematik zu begegnen, gibt es aktuell Bestrebungen, die Behandlung in dieser Altersgruppe gezielt zu untersuchen und zu verbessern.

Prof. Dr. Dr. Michael Frühwald spricht im Interview über vergangene und zukünftige Entwicklungen und die Ansätze, die das Universitätsklinikum Augsburg verfolgt, um die Krebstherapie für Heranwachsende zu verbessern.

Warum spricht man in Bezug auf Adolescents and young Adults in der Krebstherapie auch von einer „Lost Generation“, worin liegen die Probleme bei dieser Altersgruppe genau?

Diese Gruppe hat anscheinend ganz eigene Erkrankungen. Das heißt: Wenn ein Fünf- und ein Siebzehnjähriger an Leukämie erkranken, dann sieht die Erkrankung zwar vielleicht unter dem Mikroskop gleich aus, aber die Entstehungsmechanismen, also die Genetik, und der klinische Verlauf der Erkrankung unterscheiden sich. Das war so lange Zeit nicht bekannt – stutzig wurde man, als man festgestellt hat, dass Patienten zwischen fünfzehn und neunundzwanzig Jahren teilweise geringere Heilungsraten hatten als junge Kinder oder Erwachsene. Diese Erkenntnisse sind noch relativ neu, bislang wissen wir einfach zu wenig über die Erkrankungen in dieser Altersgruppe. Deswegen sprechen wir auch von der „Lost Generation“, die bislang medizinisch nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie ältere Erwachsene oder ganz junge Kinder.

Welche Ansätze werden in der Medizin aktuell verfolgt, um diese Wissenslücken zu schließen und Krebspatienten zwischen fünfzehn und neunundzwanzig Jahren besser behandeln zu können?

Bislang gibt es in Deutschland tatsächlich nur wenige Standardverfahren, wie wir heranwachsende Patienten mit einer Krebserkrankung behandeln. Die angelsächsischen Länder sind da teilweise schon weiter, dort sind bereits eigene AYA-Stationen etabliert. In Deutschland gibt es einige Pilotprojekte mit speziellen AYA-Stationen – wir stecken aber hier definitiv noch in den Kinderschuhen.

Am Universitätsklinikum Augsburg möchten wir für die Onkologie in Deutschland beispielgebend sein und für heranwachsende Krebspatienten eine Vorreiterrolle einnehmen. Darum haben wir beispielsweise eine Sprechstunde, in der wir Patienten, die von der Pädiatrie an die Erwachsenenmedizin übergeben werden sollen, gemeinsam betreuen. Dort besprechen Kinder- und Erwachsenenonkologen gemeinsam mit dem Patienten, wie es weitergeht.

An welche Patienten richtet sich diese Sprechstunde, und wie wird entschieden, ab welchem Zeitpunkt ein Patient nicht mehr in der Kinderheilkunde behandelt wird?

Die gemeinsame AYA-Sprechstunde ist für Patienten gedacht, die entweder in der Vergangenheit bereits eine Krebserkrankung hatten, solche, die ein besonders hohes Risiko haben, an Krebs zu erkranken, oder Patienten, die aktuell wegen bestimmter Krebserkrankungen behandelt werden – also drei verschiedene Gruppen. Die erste Gruppe sind Patienten, die bereits im Kindesalter eine Krebserkrankung durchgemacht haben und deswegen eine besonders intensive Nachsorge brauchen. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Jugendliche mit Erkrankungen des blutbildenden Systems, die mit einem erhöhten Risiko für Krebs einhergehen. Dazu gehören Knochenmarkversagens- oder auch sogenannte Tumorprädispositionssyndrome wie das Li-Fraumeni-Syndrom oder die Fanconi-Anämie. Patienten mit diesen Erkrankungen benötigen eine lebenslange Tumorvorsorge, da bei ihnen bereits frühzeitig – häufig im Alter von fünfzehn bis neunundzwanzig – erste Tumoren auftreten. Die dritte Gruppe umfasst Jugendliche und junge Erwachsene, die aktuell an Krebs erkrankt sind und aufgrund ihrer Reife nicht mehr wie Kinder behandelt werden sollten. Aber auch junge Erwachsene mit Krebserkrankungen, die aufgrund von geistigen Behinderungen einen geringen Entwicklungsstand haben und somit eher dem Fachwissen von Kinder- und Jugendärzten bedürfen, können von der gemeinsamen Sprechstunde profitieren.

Die gemeinsame Sprechstunde richtet sich an unsere jungen Patienten zwischen siebzehn und fünfundzwanzig: Diese Patienten können entweder selbst entscheiden, dass sie jetzt lieber langsam in die Erwachsenenmedizin übergehen wollen, oder der behandelnde Arzt will sich gezielt mit anderen austauschen und beruft die gemeinsame Sprechstunde ein.

Welche weiteren Angebote hat das Universitätsklinikum Augsburg für Patienten dieser Altersgruppe, und was planen Sie für die Zukunft?

Bei uns arbeiten verschiedene Kollegen, die ganz besonders auf die Bedürfnisse von heranwachsenden Patienten eingehen können – Psychologen, Sozialarbeiter sowie Erzieher und Lehrer. Wenn bei einem Patienten zum Beispiel kurz vor dem Schulabschluss ein Hodgkin-Lymphom diagnostiziert wird, kann es für ihn sehr hilfreich sein, wenn ein Kliniklehrer bei ihm vorbeikommt und mit ihm bespricht, wie es in der Schule weitergehen kann.

Unser Wunsch ist es, in der Zukunft eine gemeinsame Station von Kinder- und Jugend- sowie Erwachsenenonkologie einzurichten, auf der dann Heranwachsende und junge Erwachsene von beiden Disziplinen gemeinsam behandelt werden. Außerdem werden wir ja bald Universitätsklinik – wir hoffen, dass wir in diesem Rahmen auch weitere interdisziplinäre Strukturen für Betroffene schaffen können. Bis diese Anliegen verwirklicht werden können, nehmen zur Besprechung von Patienten der Altersgruppe der Siebzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen sowohl Kinderärzte als auch Erwachsenenmediziner an den interdisziplinären Tumorkonferenzen teil. Außerdem haben wir am Klinikum gemeinsam ein strukturiertes Vorgehen entwickelt, mit dem wir betroffenen Patienten den Übergang in die ambulante Betreuung vereinfachen.